Mithrandriels Briefe

Eine Schatulle aus Temholz

Dieses vermaledeite Ding treibt Dich allmählich in den Wahnsinn: es MUSS einen Mechanismus zum Öffnen geben. Doch er bleibt Dir seit Ahn verborgen wie das Nest der Priesterkönige im Sardar. Während Deine Finger und Augen weiter nach dem Öffnungsmechanismus suchen wie ein Verdurstender in der Tahari nach Wasser, kreisen Deine Gedanken um jene Begegnung, welche die Schatulle in Deinen Besitz brachte.

5 Kupfer – das ist die Schatulle allein schon wert, selbst wenn sie nun leer wäre. Einen Ka-la-na weniger heute Abend und der Betrag ist wieder im Säckel. Weshalb nur hat Dir dieser zugegebenermaßen reichlich verschlagen wirkende Wanderkrämer die Schatulle zu diesem spöttischen Preis überlassen? War es als Dreingabe zu den anderen Dingen gedacht, die Du erstanden hast, und für deren Eigentümerwechsel wohl er es ist, der den Priesterkönigen für ein gutes Geschäft zu danken hat? Oder stimmt etwas nicht mit diesem Kästchen, das mit einer Kantenlänge von einem auf zweidrittel Fuß diesen verniedlichenden Ausdruck schon fast nicht mehr verdient?
Wieder besiehst und befühlst Du die Schnitzereien, die sich auf allen sechs Flächen finden: grauenerregende Fratzen, die so plastisch in das fast schwarze Temholz gearbeitet sind, als würden sie sich in der nächsten Ihn aus ihm erheben…
Vor Deinem geistigen Auge taucht einmal mehr das Gesicht des vierschrötigen Krämers auf. Sein grenzdebiles Grinsen, das den Blick auf eine Ruinenstadt von einem Gebiss und einen diesem Gleichnis entsprechenden Geruch offenbarte. Und dann diese hässliche Narbe, die von der Stirn über das schielende rechte Auge bis hinunter zum Wangenknochen verläuft.
Es schüttelt Dich bei dem Gedanken und jagt Dir eine leichte Vulohaut über den Leib…

Nun ist Deine Geduld endgültig Deiner Neugier erlegen. Du keilst das Kästchen hochkant unter Deinem Fuß ein, setzt den schweren Dolch an der Stelle an, die Dir am ehesten nach dem Berührungspunkt von Deckel und Corpus aussieht und hiebst mit einem Holzscheit entschlossen auf den Griff ein. Mit einem kreischenden Splittern, das die Stille des Raumes bricht als wären es die Schmerzensschreie eben jener Wesen, welche in den Schnitzereien gebannt scheinen, geht das hölzerne Kleinod entzwei und ergießt seinen Inhalt auf das turianische Mosaik des Bodens.

Rencepapier. Augenscheinlich von hoher Qualität. Und akkurat gefaltet. Das Kästchen ist bis unter den Deckel randvoll bepackt damit. Enttäuschung macht sich breit. Gewiss, mit der Gold-Tarn-Sammlung des Ubars von Ar hast Du nicht gerechnet. Aber Papier… Wer sammelt Papier in einer solch eigentümlichen Schatulle? Es sei denn…
Zwischen all den Renceblättern finden sich einige getrocknete Blütenblätter, die einen betörenden Duft verströmen. Als Du die feinsäuberlich gefalteten Blätter vom Boden aufsammelst, erspüren Deine Finger noch etwas: ein einzelnes langes Haar. Es misst fast zwei Fuß und schimmert im Licht der Tharlarionöllampe kupfern. Sorgsam, fast liebvoll rollst Du es zusammen und legst es auf eines der Blätter. Du musst Dir eine gewisse kindliche Neugier, gepaart mit dem Gefühl etwas Verbotenes zu tun eingestehen, als Du vorsichtig den ersten der jeweils zweimal eingeschlagenen Bögen entfaltest.
Ein Brief.
Er ist in feinliniger geradezu unnatürlich ebenmäßiger Schrift abgefasst, mit einem Datum versehen und – Deine Augen huschen an den unteren Rand des Dokuments – unterschrieben. Mithrandriel.
Dein Blick fällt wieder auf das einzelne feuerrote Haar. Mithrandriel.

Nachdem Du die Luft in Deinem Kelch durch Ka-la-na aus der danebenstehenden Karaffe verdrängt und es Dir in Deinem Sessel etwas gemütlicher gemacht hast, beginnst Du zu lesen.

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