Cos-Play

<Wie der vorherige Brief wurde auch dieser nicht mit Tinte, sondern geöltem Kohlestift abgefasst. Das Papier ist fleckig, stark gewellt und auf der Rückseite mit einer Litanei von Gegenständen, Mengenangaben sowie weiteren Daten und Notizen dicht, jedoch penibel gegliedert beschrieben – offensichtlich eine alte Ladeliste.>

Unter den Monden Gors, Kurs Kail, im En’Var (I/2) des 537sten Mondenlaufs der Weihung des Heimsteins Eures Hauses

Mein verehrter und geliebter Vater!

Verzeiht Eurer Tochter, dass sie ob ihrer misslichen Lage nicht einmal einen sauberen Bogen Papier zur Hand hat, welcher Eurer Augen und Finger würdig wäre.

Seit sieben, mir wie Mondenläufe lang erscheinenden Tagen und Nächten befinde ich mich nunmehr in der Gewalt dieser abscheulichen Sleen von Piraten. Ihr Kapitän, den die Mannschaft ehrfurchtsvoll Kattai-Khan Pascha nennt, hatte mich unmittelbar nach der vollständigen Übernahme der „Gloria Thassae“ zu seiner persönlichen Gefangenen erklärt und diesen Anspruch mit der Exekution eines seiner Mannen, der just Hand an mich legen wollte, unmissverständlich bekräftigt. Umgehend war ich in die – nebenbei bemerkt – selbst nach meinen Maßstäben durchaus luxuriös ausgestattete Kabine Kattai-Khan Paschas verbracht worden, die ich seither nur für kurze Aufenthalte auf Deck verlassen durfte.

Meine Nerven liegen blank wie Arer Stahl. Mein Geist ist bisweilen von einem Nebel aus Trübsinn und Apathie umwabert, was gewisslich auch von der inzwischen rasch fortschreitenden Auszehrung meines Körpers herrührt. Wie eine der wilden Bestien im Stadion der Klingen zu Ar komme ich mir vor, unablässig und mit überspannten Sinnen in kleinem Kreis umherstreifend und so den letzten Kampf erwartend. Wie diesen bedauernswerten Geschöpfen ihr Käfig, der sie einerseits ihrer Freiheit beraubt, andererseits (vorerst) vor dem Zugriff ihrer Häscher schützt, so sind mir die knapp 20 Rechtschritt dieser Kajüte Gefängnis und sichere Höhle gleichermaßen.
Sichere Höhle, da ich für die Mannschaft der personifizierte Reiz des Verbotenen scheine. Weder entgehen mir ihre vor Begehrlichkeit triefenden Blicke, die wie Hände nach mir greifen in den kurzen Zeiten, die ich an Deck bin, noch die unflätigen, mir Würgereiz bereitenden Phrasen, die sie unverhohlen über mich, respektive meinen Körper, dreschen. Pfui Urt! Ihr wollt nicht ein Wort davon lesen, Vater, denn selbst über Tessa, Heimdalls Pagaschlampe, würdet Ihr nicht derart Euch verbal ergehen! Bange macht mich, dass ein Gutteil der Mannschaft sich seit Tagen nur noch Annika, eine Sklavin, die mit nahezu solch flammendrotem Schopf wie dem meinem gesegnet ist, ins Lager holt, wobei an den ekelerregenden Gründen dieser Präferenz nicht der leiseste Zweifel bestehen kann.
Gefängnis ist mir die Kabine weniger, weil sie mich meiner Freiheit beraubt, als vielmehr, da ich hier zur absoluten Untätigkeit verdammt und machtlos dem ungewissen Los ausgeliefert bin, welches mich erwartet. Umso mehr lässt mich dieser Umstand schier kurig werden, als ich seit dem Tage vor dem gestrigen endlich den Grund kenne, dessenthalben ich nicht das Schicksal der übrigen – die Götter seien ihrer Herzen gnädig! – Menschen an Bord der „Gloria Thassae“ teile:
In einem Anflug von torvaldsländischem Blutrausch hatte ich Kattai-Khans Quartier verheert, wie es Svein Blauzahns Mannen nicht besser hätten bewerkstelligen können. Als das Kabinett krachend entzwei ging, fiel mir, als hätte es Norðripust höchstselbst dorthin geblasen, ein Dokument unmittelbar vor die Füße. Noch während ich es aufhob huschten meine Augen wie besessen, erst die Zeilen quer, dann wieder und wieder Wort für Wort, beinahe Buchstabe für Buchstabe lesend, über das Dokument. Kaum konnte oder besser: kann ich für möglich halten, was die nahezu purpurne Tinte spricht. Es ist ein Kaperbrief. Ein Kaperbrief auf turmische Schiffe! Ausgestellt von keinem Geringeren als Lurius con Jad, dem Ubar von Cos. Der Thron über den Wellen – in dieser Ihn wurde die Bedeutung dieses mir bis dato unbekannten Titels schlagartig klar.
Doch was hat dies zu bedeuten? Nach dem Sieg über Ar und mehreren cosischen Militäroperationen, welche ihr Ziel, die Hegemonie am gesamten Vosk zu erlangen, – den Göttern sei Dank! – verfehlten, herrschte seit Mondenläufen eine militärische Pattsituation. Wollte Cos das Blatt nun mit einer „Taktik der Nadelstiche“ (hierüber hatte ich jüngst in Clitus Vitellius‘ „De Bello Salerico“ gelesen) zu seinen Gunsten wenden? Ich musste umgehend den Administrator über diese ebenso niederträchtigen wie die Sicherheit unseres des Heimsteins von Turmus im Mark bedrohenden Umtriebe in Kenntnis setzen! Doch wie nur, bei Modsognirs verfilztem Bart?!

Als Kattai-Khan Pascha kurze Zeit später seine Kajüte betrat, in der ich kaum ein Brett mehr auf dem anderen gelassen hatte, hörte ich die Metallstange am Tor zum Sardar schon meine letzte Ahn schlagen. Wie eine der Feuerfurien aus Mutters Erzählungen muss ich ausgesehen haben mit meinen der Bändigung des Haarbandes entronnenen und nun wirr abstehenden Haaren in all dem Chaos. Der Kapitän hatte wie jeden Abend dem Paga heftig zugesprochen, auch wenn er, Zeichen seiner Stärke, niemals wirklich betrunken war. Er sah sich ruhig im Raum um, dann nahmen mich seine fast schwarzen Tarnaugen in den Fokus und: er begann zu lachen. Zum Donnerdrummel! An die Gurgel hätte ich ihm gehen wollen, diesem Speckwanst! Er lachte mich aus wie ein kleines Mädchen! Ich brodelte, was er offenbar bemerkte, denn das Lachen versiegte so plötzlich wie es angeklungen war. Er schritt auf mich zu, seine Augen wieder wie Bannstrahlen auf mir. Mit einem kraftvollen Griff riss er mir das Kleid vom Leib, packte mein Kinn und drehte meinen Kopf hin und her. Dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete mit taxierendem Blick meinen Leib. Vor Scham hätte ich durch zwei Decks und die Bilge hindurch auf den Grund des Thassa sinken mögen. „Du gefällst mir, du wildes Biest, auch wenn du dürr wie ein Zündspan und auch sonst wenig ansehnlich bist. Aber du hast Feuer. Beinahe bin ich versucht, die 45 Goldmünzen, die du mir in Telnus einbringen wirst, in den Wind zu schlagen und dir meinen Kragen anzulegen.“ Ich kann nicht mehr erinnern, ob ich es nur dachte oder bass erstaunt aussprach:“45 Goldmünzen?!“ Wenn der Ubar von Cos selbst für eine, wenn auch blaukastige, so doch heimsteinfremde turmische Gesandte eine derart astronomische Summe berappte, dann war in der Tat Feuer auf dem Tempeldach! In Diesem Augenblick drang eine Erkenntnis, die ich bereits erahnt hatte, in mein Bewusstsein: „Der hält Dich für eine Turmusianerin!“ Ich wollte schon meinem geradezu neurotischen Hang zur absoluten Korrektheit nachgeben und dieses offensichtliche Missverständnis aufklären, als mich ein weiterer Gedanke wie Thors Hammer traf „Halt die Klappe, Weib! Denn es mag gut sein, dass dieser Irrtum nicht nur zu Deinem, sondern letztlich auch zum Wohle Turmus‘ ist…“

Von hier an hatte ich keine ruhige Ehn mehr, sondern überlegte nur noch fieberhaft, wie es mir gelingen könnte, eine Nachricht nach Turmus abzusetzen. Hätte ich all die Energie meines wallenden Blutes in eine physische Reaktion kanalisieren können, mir wären wie Ikarus, dem Tarnmenschen aus einer der abenteuerlichen Geschichten der Völva Sigrun, Flügel gewachsen! Die (Er-)Lösung trat in Gestalt der rothaarigen Sklavin Annika in mein Gefängnis und Denken: Gestern brachte ungewöhnlicherweise sie und nicht das Mädchen der vergangenen Tage meine allabendliche Speise und einen Krug sirupgesüßten Wassers. Ich wähnte sie schon aus der Tür, da wandte sie sich um und platzte mit dem heraus, was sie seit dem Betreten des Raumes auf Herz und Lippen hatte: ob sie wohl eines meiner Kleider und eine Brise meines Parfüms bekäme. Die Männer hätten ihr dies aufgetragen. Blitz und Donner! Diese vermaledeite Urt! Und diese elendigen, dauerbrünstigen Tarsk dort draußen! Hätte ich der sogleich wieder auflodernden Feuersbrunst meines nordischen Blutes und Gemüts freien Lauf lassen, hätte dieses schamlose Miststück der nächsten Ehn erdrosselt oder mit dem Kandelaber erschlagen zu meinen Füßen gelegen. Freya sei’s tausendfach vergolten, behielten in dieser Situation Verstand und Geistesschärfe die Oberhand und rieten mir, die Not des Mädchens zu meiner Tugend zu machen. Mir war in den Sinn gekommen, dass nicht nur ich, sondern auch der Kapitän der „Gloria Thassae“ einige Briefvulos mit sich führte. Wenn diese Sleen von Piraten sich mit den possierlichen Tierchen nicht bereits die Bäuche vollgeschlagen hatten, mochten sie noch an Ort und Stelle sein. So schlug ich Annika, meinen Groll mit Aussicht auf die Lösung meines drängendsten Problems nolens volens schluckend, einen Handel vor: brächte sie mir zwei der Vulos, würde ich ihr eines meiner Kleider überlassen und sie parfümieren. Andernfalls könne sie sich aussuchen, ob sie durch meine oder die Hand der Mannschaft ihr Lebenslichtlein ausgeblasen bekommen möchte. Da sich die Kunde von der Verwüstung der Kapitänskajüte wie ein Lauffeuer über das Schiff verbreitet hatte, und Annika darob damit rechnen musste, dass ich keine Worthülsen von mir gab, willigte sie ein. Keine Viertelahn später kniete sie mit einem leise gurrenden Wäschekorb vor mir. Die beiden Vögel erkannte ich an ihrer Markierung als turmische Briefvulos, nahm sie an mich und hätte die Sklavin, die der Mannschaft als widerliches Substitut für mich diente, am liebsten gleichwohl erschlagen. Doch dann hätte gewisslich selbst die Hand Kattai-Khans mich nicht länger vor den Begehrlichkeiten der Mannschaft schützen können. So fesselte und knebelte ich sie und verband ihr die Augen, ehe ich mit flinker Hand zwei gleichlautende Nachrichten an den Administrator verfasste, die Vulos damit bestückte und diese sodann mit innigen Gebeten auf den Lippen aus einem der schmalen Fenster in die Nacht warf. Anschließend befreite und entließ ich Annika, hoffend, sie möge meine Drohungen für den Fall des Verrats ernster nehmen als sie ob meiner Situation sein konnten.

Was zum Zad ist denn nun schon wieder? Es wird Alarm gegeben. Offenbar wird das Schiff attackiert. Mögen die Götter geben, dass es turmischer oder verbündeter Stahl ist, der die nächsten Ehn Leiber und Segel der Piraten perforieren wird!

Odin schütze Euch und möge auch mir beistehen!

Mithrandriel

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4 Kommentare zu “Cos-Play

  1. Wutteufel? Tsk! Ich zitiere (hoffentlich mit angemessener Akkuratesse, da aus dem Gedächtnis) hier einmal eine, meines Erachtens zufolge, recht treffende Beschreibung der vil edlen magedîn selbst: „Wie ein nordischer Vulkan, bedeckt mit glänzendem, kühlem Eis, darunter die die feurige, brodelnde Glut der Lava.“
    Leidenschaft, auf solch bestechende Art verhüllt und durch eigenen Willen gezähmt, gereicht einer jeden goreanischen Lady zur Zierde, doch insbesondere dieser.
    [Dieser Kommentar ist rein OOC und nicht geeignet durch Heranziehen den Anstand und die Sittsamkeit der heren Lady in Frage zu stellen, noch ist dies seine innewohnende Absicht.]

  2. Hallo, meine geschätzten Kastenschwestern!
    Meist stellt weniger das Ausdenken ein Problem dar, Talia, als vielmehr die Herausforderung, die Ideen, die in meinem Kopf rumspuken, dann in die Briefe zu packen.
    Und was das „Wutteufeltum“ anbelangt, Isa: ich hatte/habe eben eine überaus talentierte Lehrmeisterin 😉

  3. Mith schreibt ganz ganz sicher heimlich Bestseller unter Pseudonym 😉 aber ich wusste nicht das sie der kleine Wutteufel von uns beiden ist

  4. Ich finde dein Briefe einfach irre, Mithrandriel. Wie du dir das immer ausdenkst, das schreibst. Super!! Wirklich klasse. Und ich brauch immer weniger ein Wörterbuch oder Google. Haha.
    Gruss Talia

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