Missing In Action

<Zwischen dem letzten und dem nachfolgenden Brief liegt ein sorgsam gefalteter und verschlossener kleiner Umschlag. Das gebrochene Siegel zeigt einen markanten Berg, darüber Axt und Hammer gekreuzt, darunter der Wahlspruch „Nec temere nec timide“. Er enthält Asche, in der sich einige Fitzelchen nicht vollständig verbrannten Rencepapiers finden. Der Brief, den Du nun in Händen hältst, unterscheidet sich bereits in Papierbeschaffenheit und der Tatsache, dass er nicht mit Tinte, sondern Kohlestift abgefasst worden ist, von allen vorhergehenden. Zudem ist das Blatt stark gewellt, als habe es längere Zeit in einem Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit gelegen.>

Unter den Monden Gors im Selnar (V/5) des 537sten Mondenlaufs der Weihung des Heimsteins Eures Hauses

Elsket Far!

Es sei Eurer Tochter Mithrandriel erlaubt, diese Worte an Euch zu richten, verehrter Vater.

So sehr es mir Herz und Animus erleichterte, in meinem letzten Brief einige jener Dinge niederzuschreiben, die lange bereits schwer wie das Sardar darauf lasteten, so rasch verließ mich, sowie der letzte Tropfen Tinte aus dem Kiel geronnen war, der Mut, mich Euch so ungeniert zu offenbaren. Exculpo!

Es sind nicht die Ausführungen über das ebenso machtvolle wie möglicherweise sardarianerlästerliche Geheimnis des Mercurius, die mich letztlich den Bogen Papier dem Feuer überantworten ließen. Ebenso wenig die Schilderung der Vorkommnisse um jene seltsamen, vorgeblich schiffbrüchigen Waldweiber, die diesem Geheimnis offenbar auf der Fährte waren. Und gewisslich nicht mein Bericht über die mich auf erfreulichste Weise tief bewegende Heimsteinschwurzeremonie meiner hoch geschätzten Nachbarn, Sir Turin und Lady Nienna.

Nay, es war… ist, was ich Euch über den Rarius Phranius Hinrabius, dem Ihr mich dereinst zur Gefährtin gabt, und die Umstände seines Todes zu gestehen habe. Und über Lady Isabell, meine ehemalige, für mich jedoch allzeitige, Lehrmeisterin.

Bis zu jenem kommenden Tag, an welchem ich entweder so mutig oder aber so am Leben verzweifelt sein werde, um mich Euch zu offenbaren, soll die Asche, die von meinem Geständnis übrigblieb, mich meiner Pflicht Euch gegenüber gemahnen.

Dies bringt mich – Oh! Ironie der Unsterblichen! – unweigerlich zu der Frage, ob nicht hier und jetzt exakt jener Zeitpunkt der totalen Verzweiflung gekommen ist, denn während diese Zeilen das Papier schwärzen, ist Eure Tochter die hilf- und machtlose Gefangene von Piraten!

Meine Gemütslage pendelt im Takt von Viertelahn zwischen lähmender Angst vor Tod oder gar Kragen einerseits und geradezu euphorischer Zuversicht und Hoffnung auf Rettung durch eigene oder fremde Hand andererseits. Erstere Emotion gründet auf der empirischen Erkenntnis, dass noch keine mir bekannte Freie ungeschoren aus solch einer desolaten Lage entrinnen konnte. Demgegenüber beruhen meine dem widerstreitende Hoffnung und Zuversicht schlicht auf dem fast schon bizarr anmutenden Umstand, dass ich in just diesen Ehn diese Zeilen an Euch verfassen kann: in der prunkvollen Kabine des Kapitäns dieser Horde von Seesleen, bekleidet (wenn auch nicht schicklich) und mit mir verbliebenen Schreibutensilien. Doch der Reihe nach:

Die „Gloria Thassae“, das unter turmischem Banner laufende Rundschiff, auf welchem ich mich nach Beendigung einer diplomatischen Mission auf Lyros, dem malerischen Inselsultanat im südlichen Thassa, für die so sehr ersehnte RückHeimreise nach Turmus Quartier bezogen hatte, wurde in den frühen Morgenahn des gestrigen Tages von Piraten angegriffen. Durch die grüne Farbe ihrer Schiffe waren sie so spät erst zu sehen, dass ein Entrinnen unmöglich und ergo ein Kampf unvermeidlich war. Obschon die Mannschaft, allen voran Kapitän Severus, und die wenigen turmischen Rarii an Bord mit erbitterter Entschlossenheit wider die Übermacht fochten, war doch vom ersten Singen des Stahls an offensichtlich, dass jedwede Hoffnung vergebens war. Einer nach dem anderen wurden die Unseren im unerbittlichen Klingensturm gefällt wie junge Ka-la-na-Stämmchen. Schon wurden die (Freya sei Dank! nur wenigen) Frauen an Bord von groben Händen gepackt, ihrer Kleider und Schleier beraubt, gebunden und zu den Sklavinnen in die Käfige unter Deck verbracht. Manch einer wurde sogleich aufs Brutalste und Widerwärtigste eine Kostprobe zuteil, welch elendiges Schicksal sie erwartet.

Als der Entervorgang mittschiffs in Gang kam, war ich zum Heckkastell geeilt, wo ich nun die Reling mit beiden Händen umklammerte, wie gebannt zwischen dem rasch auf mich zuwogenden Kampf hinter und der gurgelnden See unter mir hin und herblickend.

Wie weit lag das felsige Eiland zurück, das ich vor einer guten Ahn Steuerbord ausmachen konnte? Hatte ich eine realistische Chance, es schwimmend zu erreichen?

Dann stand er da. Mich gut einen halben Kopf überragend. Sein muskulöser Oberkörper entblößt und den Blick auf sein Leben als Kämpfer narbenreich offenbarend. Sein Blick ruhte auf mir und ließ diese schreckliche Gewissheit erkennen, in wenigen Ehn eine nackte Sklavin vor sich knien zu haben.

Was in eben diesem Augenblick, am schier unvermeidlichen Scheitelpunkt zweier Leben – dem der Lady Mithrandriel con Kassau und dem der namenlosen Sklavin einer Urt von Pirat – in mir vorging, vermag ich nur schwer in Worte zu fassen, schien doch all dies in nur einem Herzschlag zu geschehen. Nicht wie ein angsterfülltes Weib starrte ich ihn an, sondern meine Augen erfassten strukturiert, als folgten sie dabei dem Diktat einer meiner Tagebuchlisten, Punkt für Punkt mein Gegenüber. Statur. Haltung. Bewaffnung. Die Tatsache, dass sein linkes Bein etwas kürzer geraten war als das rechte und sein linkes Auge erblindet. Seine Siegessicherheit als er seine Waffe zurück in das Lederholster stieß und auf mich zutrat.  Eben begann die Frau in mir ihrer Eurer Erziehung und vor allem ihrer Natur folgend zu flüstern „Auf die Knie! Unterwirf Dich!“, als mein Knie blitzschnell nach oben stieß und – den Vorteil, den seine ungleiche Beinlänge bot, gnadenlos ausnutzend – sein Ziel in seinem Gemächt fand. Als er sich mir entgegenkrümmte, ergriff meine Rechte wie von Geisterhand geführt den Dolch in seinem Gürtel, zog ihn und rammte den Stahl, nun mit der Wucht beider Hände, zwischen des Piraten Schulterblätter. Völlig ungläubig über mein Tun, sah ich den massigen Mannesleib auf die Knie sacken und zu meinen Füßen stürzen. Im gleichen Augenblick blieb mir die Luft weg und ich wurde mit einem Ruck nach hinten gegen die Wand des niedrigen Heckaufbaus des Schiffes gezogen. Der bluttriefende Dolch entglitt meinen Händen, die nun verzweifelt versuchten, die Schlinge um meinen Hals zumindest soweit zu lösen, dass ich nicht in der nächsten Ehn erdrosselt niederstürzte. Während sich mein Körper wie ein Bogen aufbäumte konnte ich einen Blick auf das zahnlose Grinsen des Mannes über mir auf dem Heckkastell erhaschen, dessen Lederlasso mir das Lebenslicht zu löschen im Begriff war. Nie werde ich das erbarmungslose Funkeln in seinen Augen vergessen, und wie es sich im nächsten Moment in einen Ausdruck voyeuristischer Erregung wandelte als mir von einem weiteren Piraten der Rock hinfortgerissen und meine Beine auseinandergezwungen wurden. Das Geräusch der sich öffnenden wuchtigen Gürtelschnalle des fetten Tarsk zwischen meinen Schenkeln war wie das Läuten einer Glocke, die mich hieß, die Augen vor dem Unvermeidlichen zu verschließen.

Dann: ein Sirren in der Luft. Warme Tropfen in meinem Gesicht und auf meiner nackten Haut. Ich öffnete die Augen, zumal meine Finger mit einem Mal unter die Schlinge glitten und damit die Luft des Lebens wieder in meine Lunge strömte. Mein Körper sackte zu Boden und ich starrte wie durch einen feinen Sternenregen auf den Mann vor mir. Sein dämliches Grinsen und die verdrehten Augen die noch immer an die Stelle starrten, an der sich mein Gesicht vor dem Sturz befand. Die feine rote Linie an seinem Hals. Sein Kopf fiel mir direkt zwischen die Beine, die ich reflexartig anzog. Ich schrie wie am Pfahl – doch kein Laut wollte meiner Kehle entweichen. Der Körper vor mir fiel, einem mächtigen Tembaum gleich, zur Seite und gab die Sicht auf einen prächtig gewandeten, wohlbeleibten Mann mit Kinnbart und Turban frei. Die fein ziselierte, mit dem Blut des Enthaupteten benetzte Klinge seines schlanken Säbels fuhr langsam wie der Schatten einer Sonnenuhr die Runde der ihn in kurzem Abstand umstehenden Mannen ab und richtete sich dann auf mich. „Diese hier… den roten Wildfang: den rührt mir keine von Euch Maden an! Diese beansprucht der Thron über den Wellen für sich!“

Während ich

Es kommt jemand, ich muss endigen.

Was auch geschieht: Ihr habt stets meine Liebe und Verehrung!

Eure Mimmy

<Die letzten Worte sind kaum lesbar, so hastig wurden sie verfasst.>

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Ein Kommentar zu “Missing In Action

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