Three Ehn Of Sand

Turmus am fünften Tage der zweiten Passagehand des zweiten Mondenlaufs der Regentschaft des Administrators Cato

Elsket Far!

Es sei Eurer Tochter Mithrandriel erlaubt, diese Worte an Euch zu richten, verehrter Vater.

Mehr als ein Tintenfässchen an blauem Blut zu geben im Stande ist, hat sich zugetragen im Leben Eurer Tochter, seit diese zuletzt den Federkiel über das Pergament scheuchte, um Euch in gehöriger Form Bericht zu erstatten. Da nimmt es nicht Wunder, dass ich, als ich dieser Tage sinnierte, wovon und in welcher Ausführlichkeit ich schreiben werde, sogleich Euer „Weibergewäschchronometer“ vor Augen und Eure Worte, nüchtern und kühl feststellend im Gedächtnis hatte: „Länger als der Sand rinnt, kann keines Mannes Ohr und Verstand das Gerede eines Weibes ertragen. So eile Dich, meine Tochter, denn Sand und Zeit verrinnen bereits.“ Drei Ehn dauert es, bis das letzte Sandkorn sich unerbittlich seinen Weg durch die Enge sucht und Euer mit dem massiven Siegelring bewehrter Finger mich Schweigen heißt. Nicht irgendeine profane Sanduhr ist dieses Ding. Nay, vielmehr ist es ein mahnmalgleicher Fokus Eures (wie wohl der meisten Männer) Verständnisses vom Platz, welchen die Götter uns Frauen im Weltengefüge zugedacht haben.

Jüngst hatte ich Euch davon berichtet, dass Turmus Seit an Seit mit zahlreichen Städten der südlichen Hemisphere gegen den Clan der Hammaren zu Felde zieht, um deren Raubzug, im Zuge dessen sie unter anderem die turmische Flotte in den Flammentod schickten und die kasratische Infantin entführten, zu vergelten. Rarii und Tross des hochtrabend als „Süd-Allianz“ bezeichneten opportunistischen Militärbündnisses zogen mit solcher Siegessicherheit gen Var, dass man förmlich die Lorbeerkränze auf ihren Häuptern sehen konnte. In den schlammigen Senken am Hammerfjord, wo Axt und Gladius brachial aufeinandertrafen, ward jedoch das satte Grün dieser Vorschusslorbeeren binnen Ahn zum Welken verdammt. Das ersehnte Schlachtfeld geriet zur martialischen Schlachtbank, auf der Nord wie Süd gleichermaßen ausbluteten. Ironie der Unsterblichen, dass zu dieser Zeit Gerüchte durch die Gassen von Turmus wogten, eine Gruppe Offiziere hätte bei einem namhaften Steinmetz noch ehe die Hörner zum Aufbruch geblasen hatten Ehrentafeln in Auftrag gegeben, die vom glorreichen Sieg übe die Hammaren kündeten. Stattdessen vergießen auf dem Forum dieser Tage die Witwen bittere Tränen vor dem Ehrenmal, welches der Administrator errichten ließ, um unseren unzähligen Gefallenen ein würdiges Andenken zu wahren.

„Hochmut, Ehrgeiz, Hybris – sie sind die speichelleckenden Steigbügelhalter des Niedergangs.“, konstatierte bereits der Schriftgelehrte und Philosoph Quintanus, seinerzeit Berater des Gnieus Lelius, dem letzten Regenten von Ar, in seinem „Tractatus contra temptationem imperii“. Auf Drängen einflussreicher Bürger, die Quintanus‘ Schrift als Angriff auf ihr Selbstverständnis sahen, wurde dieser letztlich unter Verweigerung von Brot, Salz und Feuer der Mauern verwiesen. Wenige Monde später floss das Blut der Bürger von Ar in Strömen von den Schwertern der cosischen Besatzer, die plündernd, brandschatzend und schändend durch die Prachtstraßen der von ihnen erstürmten Metropole zogen. Den Göttern sei auf ewig gedankt, trat nach dem Pyrrhussieg im Hammerfjord indes zumindest nicht ein, was kaissandrinische Gemüter wie ich fürchteten, nämlich dass die „Verbündeten in der Niederlage“ sich nach dem militärischen Aderlass sogleich ihrer Rivalität zu Turmus besinnen und ihre Beutegier an unserem Gold und Weibe stillen würden. Genügte doch vollauf, dass die Furcht vor einem Gegenschlag der Nordmannen, deren Muttererde die Südländer mit ihrem eisenbewehrten Hochmut besudelt hatten, die Gemüter der Turmusianer lähmten wie eine Überdosis Kanda. Und nur allzu bewusst ist Eurer Tochter, dass diese Furcht kein Schreckgespenst der sorgenschweren Herzen der von der Niederlage Gezeichneten ist. Denn mehr als einmal fand ich bis zum heutigen Tage bestätigt, was Ihr meinem geliebten Bruder Njörd und mir vor dem knisternden Kamin über unsere Ahnen zu berichten wusstet: „Unser Blut mag behäbig sein wie Met, der des Winters im Fasse hinter der Halle lagerte; doch gerät es erst in Wallung, gleicht es der brodelnden Lava der Feuerberge, und zu Asche wird jede Hütte und jeder Palast und zu Knochen und Staub ein jeder Feind.“ Und wenn die Altvorderen Kassaus nach einem Überfall, wie jenem Ivar Forkbeards im Jahre 10.121 C.A. /1006 D.T., mit dem Gedanken einer Strafexpedition spielten, mahntet Ihr im Hinblick auf die grimme Entschlossenheit der Clans des Nordens: „Wenn die Schlangenschiffe erst bemannt werden, ist Turia schneller eine torvaldsländische Exclave als sich der gelbe Zucker im Bazitee auflöst.“ Mit diesem Spruch habe ich mich übrigens jüngst bei einer Grünkastigen, die mit ihrem Gefährten vor einigen Hand nach Turmus kam, gehörig in die Osteln gesetzt: sie stammt aus Turia und echauffierte sich ob meiner Worte, dass die stolzen Mauern Turias niemals fallen werden. Als ich bereits ansetzen wollte zu erwidern, kamen mir Zweifel, ob die Lieder, die man über die tollkühne Tat der Wagenvölker im Jahre 10.118 C.A. hört, womöglich tatsächlich nur eine Propaganda Kamchaks von den Tuchuks, des Ubar San der Wagenvölker sein mögen. Oder ist es vielmehr der Erfolg der turianischen Propaganda, jene Ereignisse aus den Liedern allmählich zu tilgen? Esto! Die Lady scheint mir tugendhaft, zu Recht stolz auf ihre Herkunft und primo von zweifelsfreier Reputation in ihrem Fach, der Frauenheilkunde. Und mit solch einer Person sollte man es sich nicht verscherzen, wenn man sich <der Satz wurde halbherzig gestrichen, so dass zumindest der Beginn noch gut lesbar ist>

Wie groß war daher das Erstaunen als in diesem Dunst aus förmlich greifbarer Furcht vor einer Revanche der Nordmannen eines Mondenaufgangs Beowulf, Sohn des Ekgtheow, der Jarl der Hammaren in Turmus erschien, begleitet lediglich von einer Bond, und dem Administrator offerierte, sich der turmischen Gerichtsbarkeit zu unterwerfen! Sir Cato war, was mich bei diesem noblen Mann keineswegs erstaunte, selbst angesichts des Verlustes der turmischen Flotte und so vieler wackerer Rarii so um- und weitsichtig, statt Beowulfs Schwert an sich zu nehmen, diesem die Hand zu reichen. Im Wissen um meine Kenntnis der Sitten und Gebräuche des Nordens bestellte mich Sir Cato in die Hafenbastion ein, um seiner Unterredung mit dem Nordmann beizuwohnen. Welch schicksalhafte Begebenheit, bei Thors Hammer! Denn niemals zuvor ward mir deutlicher als in jenem Herzschlag, da ich diesem Hünen des Nordens gegenübertrat, bewusst, dass nordisches Blut in meinen Adern fließt – wenn es auch nicht das Eure ist. Doch bin ich mir seit jener Ehn einer auf Blut und Animus gründenden Verbindung zu meinen Ahnen bis ins Mark sicher, die auch die Liebe zu Euch mit umfasst, verehrter Vater! Nach anfänglicher herrischer Reserviertheit, die wohl auf einer Mischung aus Skepsis über meine Herkunft und der Tatsache, dass ich nur ein Weib bin, beruhte, gelang es mir, Beowulfs Wohlwollen zu erringen, und er entbot mir gar den Schutz seines Schwertes, sollten die Götter meine Schritte in das Land der Ahnen lenken.

Heil sér þú ok í hugum góðum. Þórr þik þiggi. Oðinn þik eigi.

Nur auf ein Wort und weil – Ihr mögt Eurer kleinen Tochter dies nachsehen – Freude und Stolz mich hierzu drängen, sei erwähnt, dass das Handelsabkommen mit dem Sultanat Lyros im Rahmen einer feierlichen und der Bedeutung des Anlasses höchst würdigen Zeremonie zum Abschlusse gebracht worden ist, und ein jeder von Rang und Namen voll des Lobes ob meiner Mühen in dieser causa war.

Erwähnenswert, da letztlich bis zum heutigen Tage Wellen schlagend, ist die Entführung Lady Isabells vor gut zwei Hand durch die „Rote Hand“, einer nach Auffassung kodexgetreuer und kastenbewusster Rarii – Zitat – „verlausten Rotte ehrloser Tarsks, die in ihrer Raffgier noch in Boskdung nach einem einzelnen Tarskbit wühlen würden.“ Esto! Als Weib, welchem nur bescheidene theoretische Kenntnisse des Kriegerhandwerks und des Kodex zu Eigen sind, steht hierüber zu urteilen mir nicht zu. Doch ob all des entsetzlichen Leides, das meines Herzens Licht und Wärme Isabell zugefügt worden ist, wünsche ich einem jeden, dessen Hand oder Willen an diesem verabscheuungswürdigen Delikt Anteil hatte, die Bazipest an den Hals! Blitz und Donner! Nach Tagen und Nächten, in denen ich vor Angst, Kummer und Hilflosigkeit schier dem Wahnsinn anheim fallen hätte können, stand Isabell mit einem Male unvermittelt vor mir. Der Weg, den das Schicksal sie ab der Ahn ihrer Verschleppung aus ihrer Amtsstube in der Hafenmeisterei bis zu jenem glückvollen Augenblick, da ich sie wieder in meine Arme schließen konnte, beschreiten hatte lassen, war ebenso grausam wie verworren. Doch was bekümmern mich die dunklen Ahn der Nacht nun, da Lar Torvis wieder über den Horizont sich erhoben hat!

An dieser Stelle nun tunke ich die Feder kein weiteres Mal ins Tintenfass, denn für diesmal ist das letzte Sandkorn verronnen und Eure Tochter schweigt wie es ihre Pflicht ist.

Möge Odin Euch und Eurem Haus allzeit Leben und Reichtum schenken, und mir, Eurer Tochter, das Wohlwollen ihres verehrten Vaters.

I Kjærlighet
Mithrandriel

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4 Kommentare zu “Three Ehn Of Sand

  1. meinen bescheidenen Dank für das Lob Mith. Es freut mich ein Teil von Turmus und ebenso ein Teil des Blog-Netzwerkes zu sein. Mir geht es da wie dir, ich verschlinge förmlich jeden Post den ich finde. Ob RP aus Turmus oder nicht.

  2. Ich glaube Mith ist darin einfach unübertrefflich und wir können nur zu ihr aufsehen.

    Aber wie war das? Beowulf wollt Cato sein Schwert übergeben? Der heisst doch nicht in wirklichkeit Vercingetorix und Cato wird jetzt zum Caesar ernannt? 🙂

  3. Vor Verzückung möchte man aus der Haut fahren.
    Der Charakter von Mithrandriels Vater wird allmählich so plastisch, dass man den alten Patriarchen mit seinen Tarnaugen praktisch hinter seinem Schreibpult sitzen sieht. Und mit dem Sand rinnt die Zeit, der bereit ist für seine Tochter aufzubringen.
    Ich finde den so übelst sexy mit seiner frauenverachtenden Art!^^

    Außerdem die Liebe zur detaillierten Hintergrundgeschichte teile ich mit dir. Ich mag es auch denen Gestalt zu verleihen bei denen Amira einst groß wurde.

    Nur ein Wermutstropfen. Immer wenn ich von dir was gelesen habe, finde ich mein Geschreibsel dagegen wie hingerotzt.

    Drei Ehn schon um? Vermutlich!

    Nea / Amira

    • Jetzt wird nicht nur Mith verlegen, Nea…
      Aber zugleich muss ich auch Vaters Ka-la-na-Rute zur Hand nehmen (und sei versichert, dass er sich stets die Mühe macht, eine frische im Hain zu schneiden!): denn im Zusammenhang mit Deinen Posts, nein: vielmehr Geschichten, von „Geschreibsel“ und „hingerotzt“ zu sprechen, hat mindestens 14 Hiebe verdient!
      Im Ernst – und hier möchte ich ein Stück weiter ausholen: erst über Blogs wie Deinen, Nea, ergriff auch mich die Begeisterung und Lust, es nicht beim RP zu belassen, sondern etwas darüber zu schreiben. Und, wie ich an verschiedener Stelle bereits bekundet habe, gerade die Vielzahl der Gor-RP-Blogs und ihre unterschiedlichen Layouts, Stile (insb. Erzählperspektiven) und Inhalte empfinde ich als immense Bereicherung des Spiels. (Ich möchte davon absehen, einzelne Blogs anzuführen, schlicht, weil ich Angst habe, einen zu vergessen, der der Erwähnung mehr als wert ist.) Wenn man sieht, mit wie viel Talent und Liebe zum Detail die Autoren ihre Blogs gestalten und pflegen, dann ist es einfach eine Freude, sich nach einem stressigen Tag die Zeit zu gönnen, sich darin zu versenken. Und es ist schön zu verfolgen, wie weitere Spieler mit tollen Ideen, wie jüngst Nienna mit ihrem Tagebuch, hinzukommen. Was ich in diesem Zusammenhang persönlich auch als ausgesprochen angenehm empfinde ist, dass viele Autoren auf ihren Blogs umfangreiche Linklisten zu den anderen Gor-RP-Blogs angelegt haben und in ihren Posts entsprechende Links einbauen, was de facto ein tolles Netzwerk bildet – und zugleich eine schöne Form der Anerkennung der Arbeit der anderen darstellt. Ich kann nur sagen: weiter so! Zugleich möchte ich auch an dieser Stelle Coris Aufruf (http://samepyrana.blogspot.de/2013/05/sbm-revival-moglich.html ) unterstützen, das Südlandbotenmädchen mit Meldungen und kleinen Artikeln zu beliefern, weil meines Erachtens auch dadurch das besagte „Blog-Netzwerk“ sowie das simübergreifende RP gefördert werden können.
      Oh, verdammte Axt: der Sand ist schon wieder durch… 😉

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