Home, Sweet Home!

<Beim Entfalten dieses Briefes rieseln einige weiße Sandkörner aus dem Bogen Papier.>

Lyros im Hesius (III/5) nach Einbringung der 21. Dattelernte unter der Regentschaft seiner Erhabenheit Sultan Abima

Elsket Far!

Es sei Eurer Tochter Mithrandriel erlaubt, diese Worte an Euch zu richten, verehrter Vater.

Sanft wie azurblaue Seide, die über jungfräuliche Haut gleitet, brandet das Thassa am flachen Strand an, dessen weißer Sand rein wie der Schnee an den Gipfelflanken des Torvaldsbergs strahlt und die Augen blendet, die allzu lange dorthin blicken. Meine bloßen Füße, verborgen unter den wallenden Wogen meiner Verhüllungsrobe, in den feinen weißen Sand vergraben, genieße ich im Schatten einer Gruppe hoher Handblattbäume den klaren, angenehm süßen und erfrischend kühlen Saft einer dieser behaarten holzigen Früchte, in die man hier ein kleines Loch schlägt, um sie sodann mittels eines Schilfhalmes direkt leer zu trinken. Leicht und unbeschwert wie eine Daunenfeder aus dem Unterkleid der Gim fühlt sich das Leben an diesem idyllischen Ort an, irgendwo im Nirgendwo der Weiten des südlichen Thassa. Zumal, da nun die nervöse Anspannung der Pflicht und des Auftrags, die mich nach Lyros führten, dem – Ihr mögt Eurer Tochter diese ungezügelte Emotionalität nachsehen – berauschenden und erhebenden Gefühl des Erfolgs gewichen ist. Denn in Bälde bereits wird man den Sultan von Lyros, Sir Abima, nebst seiner bezaubernden Gefährtin und einer namhaften Delegation in Turmus begrüßen können, auf dass er zusammen mit dem Administrator der Voskmetropole ein Dokument unterzeichne, welches den feinen Faden, der die beiden Heimsteine schon länger verbindet, zu einem starken Tau weiterspinnen wird. Was Eure Tochter bei solch staatstragendem Geschehen zu schaffen habe, werdet Ihr Euch nun fragen, Vater. Hier nun komme ich nicht umhin, Euch zu gestehen, was zu verschweigen ich eigentlich im Sinn hatte, weiß ich doch nur zu gut, wie rasch Eure Galle übergeht bei derlei Dingen.

Als meine Lehrmeisterin, Lady Isabell, dem Administrator vor einigen Hand antrug, mich zur Diplomatin von Turmus zu ernennen, mochte ich weder glauben, dass solche Ehre ausgerechnet mir zuteil werden sollte, noch sehnte ich, von Selbstzweifeln beherrscht, dergleichen herbei. Doch nachdem dieser Tage Lady Isabell vom Administrator aus dem Amt der Diplomatin abberufen und in jenes der Hafenpräfektin eingeführt worden war, und sich Lady Amira mir gegenüber unter vier Augen in Lob und Andeutungen einer bevorstehenden Ehre erging, war mir klar, dass die Ahn naht, in der ich einmal mehr vor der Entscheidung stehen würde, die Stäbe des Käfigs, in den Eure harte Hand mich zwingt, endlich zu sprengen oder mich weiter in das Schicksal zu fügen, das Ihr Eurer Tochter zugedacht habt. Warum sollte nicht auch ich sein können wie ▓▓▓▓▓▓ Isabell oder Lady Amira?! Stark und eigen … eigenständig … irgendwie … im Rahmen des Tugendhaften und Weiblichen… So fasste ich den Entschluss, aus eigenem Willen an den Rand dieser steilen Klippe der Entscheidung zu treten und mir den schon viel zu oft begangenen Fluchtweg selbst zu verbauen. Schriftlich ersuchte ich den Administrator um die Erlaubnis, nach Lyros reisen zu dürfen, um den lange bereits avisierten Vertragsschluss mit dem Sultanat auf einen finalen Weg zu lotsen. Und nicht nur die Erlaubnis ward mir erteilt; nay, der Administrator beauftragte und autorisierte mich, mit seinem Siegel diese Mission anzutreten: als Gesandte von Turmus.

Fast drohten mir die Knie zu versagen und die Note meinen zitternden Händen zu entgleiten. Wieder und wieder flogen meine Augen ungläubig über die Zeilen, doch die Worte standen wie in Stein gemeißelt. Gesandte von Turmus. Tausend Gedanken und Emotionen, bald euphorisch, bald zweifelnd und voller Sorge, begannen, wie ein Flächenbrand von meinen Leib Besitz zu ergreifen. Doch es war nun weder sinnvoll noch geboten, sich dem hinzugeben. Eilig hieß ich Vulo, Isabells lieb-treues Mädchen, das mich begleiten sollte, meine Sachen zu packen, während ich erlesene Gastgeschenke für das Sultanspaar orderte und, nachdem ich bereits für den kommenden Tag eine Schiffspassage fix machen konnte, die übrigen Reisemodalitäten regelte.

Auf dem Weg zum Pier war es mir ein Herzensanliegen, noch Gwenda und der kleinen Nova sichere Wege und der Priesterkönige Schutz und Wohlwollen zu wünschen, und so lenkte ich meine Schritte in die Backstube. Dort traf ich zu meinem Erstaunen auf den Administrator höchstselbst, der es sich nicht nehmen ließ, mich an Ort und Stelle auch expressis verbis zur Gesandten von Turmus zu ernennen. Obgleich er um Nachsicht bat, dass die Ernennung in so bescheidenem Rahmen stattfand und eine offizielle Zeremonie nach meiner Rückkehr zusagte, hätte ich mir keinen geeigneteren Ort für diese grundlegende Wendung in meinem Leben ersinnen können, fühle ich mich doch bei Gwenda in besonderer Weise familiär geborgen. Einzig, dass Isabell nicht an meiner Seite war in diesen Ehn, weil sie auf einer ebenso dringlichen wie offenbar vertraulichen Reise weilte, vermochte mein Glück ein wenig zu betrüben.

Ihr mögt mich nun endgültig verdammen, Vater, doch musstet Ihr Euch dessen gewahr sein, dass selbst Eure legitimen väterlichen Rechte an mir nicht zu tilgen vermögen, was das Blut zu mir brachte. Und letzten Endes müsst Ihr eingestehen, dass Ihr selbst die Kontrolle über die seinerzeit noch zaghafte Glut im Gemüt Eurer Tochter aus den Händen gabt, als Ihr mich Eures Herdes und Heimsteins verwieset. Und so erhoffe ich mit dem Beistand der Götter, wenn auch nicht Eure Billigung, so doch Eure Nachsicht und Milde mit Eurer Euch verehrenden und liebenden Tochter.

Doch nun muss ich mich sputen, meine Reisetruhe zu packen, denn zur 15. Ahn wird mit der einsetzenden Flut die „Wellentarn“ ihren Anker lichten und mich gen Var tragen. Und mein Herz und Animus künden mir, dass dieses Schiff mich nicht länger nur in die ehrwürdige Stadt Turmus am Vosk bringt, sondern in meine Heimat, zu Menschen, denen meine Sorge und Treue gilt. Und primo zu dem Menschen, der mein Herz in Händen hält und dem all mein Fühlen und Sinnen zustreben in jeder Ihn meines Lebens.

Möge Odin Euch und Eurem Haus allzeit Leben und Reichtum schenken, und mir, Eurer Tochter, das Wohlwollen ihres verehrten Vaters.

I Kjærlighet
Mithrandriel

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3 Kommentare zu “Home, Sweet Home!

  1. Pingback: Das Salz-Abkommen | Nea notiert

  2. *setzt sich an ihren Tisch in ihrer Wohnung und streicht das Papier glatt, welches sie vor sich liegen hat, als sie anfängt in deutlicher Schönschrift zu schreiben:

    Ma Soster,

    du bist nun schon einige Hände fort und jeden Tag aufs neue trete ich mit Nova im Arm an deinem Haus vorbei um zu schauen ob vielleicht ein Hinweis zu finden ist, ob ein Schiff dich in die Gefilden Turmus zurückgetragen haben. Doch auch wenn dies Sehnen jeden Tag enttäuscht wird, so freue ich mich um so mehr, dich bald wieder in meine Arme schließen zu können. Es gibt auch viel zu erzählen, doch dies kommt alles wenn du wieder bei uns bist.
    Und ich vermute das deine Reise mehr als wichtig für die Stadt ist und Stolz erfüllt mein Herz, ist dies doch eine Aufgabe die deiner würdig ist.

    Ich hoffe dieser Brief erreicht dich mit dem Boten schneller als dein Schiff im Hafen ankommt, ma Soster, soll er dich doch daran erinnern, das du in Turmus gebraucht wirst.

    „Heil sér þú ok í hugum góðum.
    Þórr þik þiggi. Oðinn þik eigi.“

    Gwenda

    /me nimmt dann ein Tintenfass und kippt es über ein anderes Papier, wartet ein wenig das es sich ausbreitet und nimmt dann Novas Hand, welche sie in den feuchten Fleck tunkt, bevor sie deren Handabdruck neben ihren Namen setzt und grinst. Nova klatscht ihre Hände zusammen und legt diese dann an Gwendas Rock, welche leicht mault, wird sie nun länger zu tun haben diesen Stoff wieder sauber zu bekommen, doch nun steht erst einmal wichtigeres an, wird sie doch noch diesen Tag den Brief zum Kapitän der „Wellentarn“ bringen, da dieser ja weiß wo Mith sich befindet….

    • Das ist so eine stimmungsvolle und süße Idee mit dem „Brief zum Brief“, ma Soster! Vor allem der Handabdruck des kleinen Sonnenscheins Nova lässt Mith das Herz aufgehen 🙂
      Und auf die Neuigkeiten, die Du in Deiner Nachricht andeutest, bin ich natürlich gespannt wie ein trevianischer Kompositbogen!

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