Cry, Trojans, cry!

Turmus im Hesius (II/1) des zweiten Mondenlaufs der Regentschaft des Administrators Cato

Elsket Far!

Es sei Eurer Tochter Mithrandriel erlaubt, diese Worte an Euch zu richten, verehrter Vater.

Nun ward es also beschlossen: das Banner Turmus‘ zieht Seit an Seit mit den Standarten Kasras und – hört! – Lydius‘ sowie einer Schar weiterer Verbündeter in die Schlacht gegen die Nordmannen vom Clan der Hammaren und jeden, der mit diesen Schild an Schild zu stehen gedenkt. Einem nicht Licht und Segen, sondern Dunkelheit und Verderben bringenden Regenbogen gleich werden die bunten Wimpel unter dem Antlitz von Lar Torvis gen Var ziehen. Gerächt werden sollen nicht nur die Vernichtung der turmischen Flotte und die Entführung der kasratischen Infantin, sondern zuvörderst die Verletzung des Gastrechts und, so deucht mir, gekränkter Stolz.

Während im Heerlager und in den Straßen von Turmus aus voller Kehle das hohe Lied des Krieges gesungen wird und ebenso euphorische wie zornige Rufe das Blut des Nordens fordern, wird mir das Herz schwer beim Gedanken an tausendfachen Tod und das Schicksal all der Frauen, denen der Krieg den Vater, Sohn oder Gefährten für immer entreißen und den Kragen bringen wird. Und Groll lodert auf in meiner Brust ob der hassschwangeren Schmähungen des Nordens, die seit Tagen das Vokabular der Menschen hier beherrschen – wohl von Militärs und Obrigkeiten angefacht, um die Kriegsstimmung noch weiter zu befeuern. Kaum wage ich zu sprechen, kann die Zunge meine Herkunft doch nicht leugnen. Nur flüsternd getraue ich mich, meine Gebete zu verrichten, auf dass mich der wütende Mob nicht noch in den Kragen steckt oder lyncht. Mögen mich die Götter für meine Feigheit strafen, doch was nütze ich ihnen tot oder – Freya bewahr! – als Sklavin. Angesichts meiner gegenwärtigen Gefühlslage treibt mich, wie viele Male zuvor, die Frage um, ob nicht doch torvaldsches Blut durch meine Adern strömt, wenngleich ich weiß, dass es nicht das Eure ist, Vater, da nicht Blut, sondern Recht mich zu Euch brachte. Mögen die Götter mir dereinst die Antworten offenbaren, die Ihr mir nicht zu geben im Stande oder Willens seid! Exculpo!

Nebst alledem bereitet mir ein Weiteres Bange: Dieser Tage sammeln sich die Truppen der „Südallianz“ im Hafen von Turmus. Auch dies ward so entschieden, worüber nicht nur ich mich, sondern viele andere, zumal in militärischer Hinsicht berufene Stimmen, sich verwundert zeigen. Denn die Beziehungen zwischen Lydius und Turmus können bestenfalls als „deutlich gespannt“ bezeichnet werden. Und im Verhältnis zu Kasra ist erst seit dem En’kara-Fest und der jüngsten Geschehnisse um die Tochter der Regentin ein zartes Frühlingserwachen zu erahnen, welches einen harten diplomatischen Winter beenden könnte. Und nun stehen Schwerter dieser Mächte in Regimentsstärke innerhalb unserer Mauern? Ziehen die wackersten Rarii des Heimsteins gemeinsam mit zwei Heeren, deren Speere bis vor kurzem gegen uns gerichtet waren (oder noch sind), in eine Schlacht mit ungewissem Ausgang? Cui bono? fragen die Rechtsgelehrten in gehobenem Altgoreanisch: Wem zum Vorteil? Was, wenn nicht mit Paga, sondern Met auf den Sieg angestoßen wird? Wenn darüber hinaus vor allem turmisches Blut den Boden der Tundra tränken wird? Werden die Truppen der vermeintlich Verbündeten beutelos an ihre Heimsteine zurückkehren, wenn die Stadt des einstigen Feindes sich wie eine reife Larma präsentiert, die man nur pflücken muss?

Viel Zeit zu handeln blieb mir nicht; ebenso sind meine Mittel und Möglichkeiten als Frau, zumal als Heimsteinfremde mehr als begrenzt. So entschloss ich mich, beim Administrator um eine Audienz zu ersuchen, um ihm meine Bedenken in der gebührenden Zurückhaltung kundzutun. Die Audienz ward gewährt und Sir Cato ließ mich mein Anliegen vortragen, ohne mich zu unterbrechen oder gar zu maßregeln. Er merkte sogar an, auch Kommandant Brom würde zur Vorsicht mahnen. Doch damit hatte es denn auch sein Bewenden. Der Adminstrator will Vergeltung für die Vernichtung der turmischen Flotte durch die Hammaren, obgleich diese ihr Wort gaben, den Schaden zu ersetzen. Hinzu tritt der Umstand, dass Kasra mit gezogenem Gladius voranstürmt, um die Entführung der Infantin und den – zugegebenermaßen reichlich verwegenen – Überfall der Hammaren auf die kasratische Delegation zu rächen. Mir deucht, Sir Cato möchte hinter dem machtbewussten Auftreten der Regentin und ihres Kommandanten nicht zurückstehen. „Schreiber, bleib bei Deinem Griffel!“ hätte ich ihn am liebsten getadelt und ihn gefragt, ob wohl die weise Gim sich den verschlagenen Herlit in die Höhle holen würde. Doch noch ehe diese Gedanken auch nur in die Nähe meiner Zunge vorzudringen vermochten, wurden sie von den unerbittlichen Hieben der moralischen Peitsche meiner Erziehung zurückgetrieben, obgleich es mein Herz mehr als es wohl sollte bekümmert, Sir Cato diesen Weg einschlagen zu sehen.

Tags darauf bat ich auch den Kommandanten um eine kurze Unterredung, und er bekräftigte mir gegenüber seine Bedenken hinsichtlich der Stationierung fremder Truppen in unseren Mauern. Ungeachtet dessen waren wir uns einig, dass das Wort des Administrators Gesetz und nicht anzuzweifeln ist, gleich ob uns sein Entschluss zu Sieg und Ruhm oder Niederlage und Schmach führen mag. Dennoch kam mir, nachdem ich meine Besorgnisse nun von Sir Brom, einem ebenso mutigen wie ehrenvollen Vorderen der Roten Kaste bestätigt sehen musste, eine Legende in den Sinn, die Sir Alskyr, der Kastenführer der Schriftgelehrten zu Kassau, einst vortrug. Sie handelt von Kaissandra con Ilium, einer Schriftgelehrten in Diensten des Matthew Cabot, der einmal Ubar von Ko-ro-ba gewesen war und später der letzte Administrator der Türme des Morgens sein sollte. Man schrieb ihr die Gabe der Vorhersehung zu, weshalb ihr Rat allenthalben hoch geschätzt war. Als sie jedoch die Vernichtung der Stadt durch das blaue Feuer prophezeite, fiel sie bei den Wissenden in Ungnade. Man kam zu dem Schluss, sie sei dem Wahn anheimgefallen und die Gerichtsbarkeit der Weißen Kaste klagte sie der Häresie an und entzog ihr Heimstein, Kaste und Freiheit. Der Administrator, ein über die Maßen ehrenvoller und weiser Mann, hatte sich ausbedungen, Kaissandra als Sklavin zu behalten. Und die Lieder künden davon, die beiden gehörten zu den wenigen, die den Untergang Ko-ro-bas überlebten, gleichwohl sie seither nie mehr gesehen waren. Ich bete zu den Göttern, dass meine Sorgen nicht auf Vorhersehung, sondern lediglich auf weiblicher Furchtsamkeit gründen.

Möge Odin Euch und Eurem Haus allzeit Leben und Reichtum schenken, und mir, Eurer Tochter, das Wohlwollen ihres verehrten Vaters.

I Kjærlighet
Mithrandriel

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6 Kommentare zu “Cry, Trojans, cry!

  1. Und was ist mit Vulo?
    Die hat von vornherein gesagt, dass die Krieger da nicht mit einem Sieg herauskommen werden….aber aufs vulo hört ja keiner 😉

  2. Pingback: Ohne den Schutz des Stahls und jenseits der Ruhe des Herzens | Nea notiert

  3. Grinst oder vielleicht sollte man ihr da noch mehr glauben. Waren es nicht den rotschopfigen denen man die Hexenkunst nachsagte. Wer weiss welches Blut da noch in den Adern der Schriftgelehrten fliest. Wieder ein wunderbarer Brief. Mal vor Neid rot anläuft. Haha.
    Gruss Talia

    • Schiebt, Talia verlegen schief anlächelnd, mit dem rechten Fuß unauffällig die schwarze Giani unter das Sofa, zischt dem wie von Geisterhand durch den Raum wirbelnden Besen ein „Finite!“ entgegen und wedelt währenddessen noch mit den Händen hektisch den nach verbrannten Gimfedern und Alraune riechenden Rauch Richtung Fenster. „Öhm…äh…Hexen? Was…also was soll das sein? Nie gehört, werte Collega..“ 😉

  4. Der Titel dieses Briefes entstammt Shakespeares „Troilus and Cressida“ (II, 2, 1096). Der entsprechende Vers lautet vollständig:

    „Cry, Trojans, cry! lend me ten thousand eyes,
    And I will fill them with prophetic tears.“

    Und hier noch ein Bildnis von Kaissandra con Ilium:

    Äußerliche Ähnlichkeiten mit der ebenfalls rotschopfigen Verfasserin dieser Briefe sind rein zufällig und sollten nicht dazu führen, ihren Worten keinen Glauben mehr zu schenken 😉

    • Aber Mith nach deiner Legende zur Folge sollten wir dir doch dann erst recht glauben schenken….immerhin war sie doch die Sehende die Kaissandra con Ilium.

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