White Twinge Of Conscience

Turmus am vierten Tage der ersten Passagehand des zweiten Mondenlaufs der Regentschaft des Administrators Cato

Elsket Far!

Es sei Eurer Tochter Mithrandriel erlaubt, diese Worte an Euch zu richten, verehrter Vater.

„Diese Malefiz redet uns die Viecher doch erst herbei, zum Donnerdrummel!“, hattet Ihr stets gepoltert, wenn die alte Gwynna aus ihren Urtknochen-Omensteinen wieder einen besonders großen Schwarm Weißbauch-Grunts herauslas, der uns zu Se’kara die Parsitgründe leer fressen würde, und einmal mehr Recht behalten sollte. Sir Alskyr, der Kastenführer der Schriftgelehrten zu Kassau, bezeichnete dieses Phänomen etwas wissenschaftlicher und emotionsloser als ’sich selbst erfüllende Prophezeiung‘. Mögen Gwynnas Urtknöchelchen auch längst zu Staub zerfallen sein, so scheint mich dieses Phänomen bis ans – Freya hilf! – noch ferne Ende meiner Märkte zu begleiten. Und selten offenbarte es sich so schauderlich greifbar wie dieser Tage.

Wie ich Euch berichtete, hatte das En’kara-Fest noch weit vor dem Entfachen der ersten Feuer buntes Volk nach Turmus gebracht und mit selbigem Geschichten und Gesänge aus allen Himmelsrichtungen Gors. Die meistgehörte Mär jedoch war eine lokale: jene vom weißen Tabuk. Tat ich diese zunächst mit mildem Lächeln als düstres Ammenmärchen ab, wurde mir nachgerade anders Zumute als das weiße Tabuk nicht mehr nur die Gesänge an den Lagerfeuern des Festplatzes beherrschte, sondern auch Gegenstand durchaus seriöser Disputationen im Zelt der Blauen Kaste war. Und ich vermeinte Raureif mein Herz überziehen zu spüren, als die Jagdgesellschaft das sagenumwobene Geschöpf stolz zur Beutestrecke trug. Noch ehe der letzte Tropfen Blutes seinem anmutigen toten Leibe entronnen war, entspann sich ein hitziger Streit zwischen zwei Kriegern, von denen ein jeder die Trophäe für sich beanspruchte. Hätten die beiden geahnt, welch schlimme Vorfälle, die sich in der Folgezeit zutragen sollten, dem Tod des weißen Tabuks zugesprochen werden würden, hätten sie wohl liebend gern dem jeweils anderen den Triumph gegönnt.

Der Kadaver des weißen Tabuks war auf Anweisung Sir Catos in den Tempel der Priesterkönige zu Turmus verschafft worden und sollte dort verbleiben, bis die beiden Krieger ihren Streit in einem Duell beigelegt hatten. Doch ein anderes Schicksal war dem Tier wie auch den Menschen von Turmus bestimmt. Serenus, der Hohe Wissende von Turmus, verkündete großes Unheil ob der schändlichen Tötung des Tabuks, welches er ein Geschöpf der Priesterkönige wähnt. „Jeder, der Schuld trägt am Tod des Tabuk, wird verlieren, was ihm lieb und teuer ist. Seine Ehre, seinen Heimstein… Ich sehe Schatten über Turmus, schreckliche Schatten.“ Dies waren seine Worte, die mir in den Ohren klingen, als wären sie eben erst gesprochen worden, und die mir noch immer einen Schauder über den Leib jagen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Menetekel durch die Gassen der Stadt, und alsbald war ein jedes Haus, ein jede Hütte in hellster Aufregung.

Bereits in der Nacht vor Serenus‘ Omenspruch hatte sich ein Einbruch in die Bäckerei und die darüberliegenden Privatgemächer zugetragen. Obgleich die Täterin, eine Heimsteinfremde, gefasst und der Jurisprudenz des Prätors zugeführt werden konnte, vermochte dessen in juristischer Hinsicht nicht zu beanstandender Richtspruch die Gemüter nicht zu beruhigen. Doch sollte dies erst der Beginn einer Kette von Ereignissen sein, welche sich wie Perlen der Verderbnis aneinanderreihen und die einzeln und allsamt aufzuzählen ich Euch ersparen möchte. Als das geringste Übel ist wohl noch dieser muffig-modrige Nebel zu nennen, der tagelang wie ein Totenkleid über dem Hafen hing und nicht nur die Sicht der Flusskapitäne trübte, sondern weit mehr noch die Gemüter der Bewohner. Das größte und längst nicht ausgestandene Unheil jedoch bescherten uns Nordmannen vom Clan der Hammaren, die eines Abends mit einer Gefangenen im Hafen an Land gingen. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dieser um Lady Elea, ihres Zeichens Infantin von Kasra – was die Nordmannen jedoch nicht wussten. Sir Cato hatte daher wenig Mühe, die Tochter der Regentin von Kasra den waffenstarrenden Hünen abzuhandeln. Doch wie pflegt Mutter stets zu sagen: „Die qualvollste Geißel der Götter ist jene, die zunächst nach einem Segen aussieht.“ Als tags darauf die vom Administrator mittels eines eilends entsandten Tarnreiters vom Schicksal ihrer Tochter informierte Lady Nasty samt Gefolge in Turmus eintraf, hatten die Hammaren bereits Kunde, welch goldenen Vogel sie in ihrer Hand gehalten und leichthin wieder fliegen hatten lassen. Und nun forderten sie Blut statt klingender Münze: sie fielen über die kasratische Delegation und die zu Hilfe eilenden turmischen Krieger her und steckten darüber hinaus auch turmische Schiffe in Brand, die sie für kasratische hielten. Aufgrund der beengten Verhältnisse im Hafenbecken und ungünstigem Wind wurde letztlich die gesamte turmische Vosk-Flottille ein Raub der Flammen. Und als wäre dies nicht Schicksalsschlag genug, droht aufgrund dieses Zwischenfalls nun allen Ernstes eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Hammaren und Kasra, die gleich einem verheerenden, blutdurstigen Strudel aus Rache, verletzter Ehre und vergossenem Blut weitere Clans und Städte ergreifen könnte. Auch Turmus mag nicht verschont bleiben.

Die wohl absurdeste Perle an besagter „Kette des Unheils“ jedoch ist gewisslich jener, auf den ersten Blick nur aus Haaren und Lumpen bestehende Kerl, der dieses Morgens die Aufmerksamkeit des halben Hafens auf sich zog. Um die Brust hatte er den Rest einer verkohlten Planke der „Nemesis“, einst Flagschiff der turmischen Vosk-Flottille, hängen, auf selbigem in frischer, teils verlaufener weißer Farbe zu lesen war: „Das Ende ist nah!“ Bis die Patrouille der Hafenbrigade ihn zu seinem und unser aller Besten endlich in Arrest nahm, verkündete er lautstark, dass nur diejenigen, die all ihre Münzen einschmelzen und sich ein Boskkalb daraus gießen ließen, von den Priesterkönigen errettet würden. Und wäre dies nicht bereits krude genug, müssten sich die Erwählten zudem Finger- und Zehennägel wachsen lassen und dürften sich bis zum Tage des Weltenbrandes auch nicht mehr waschen. Der Apocalypt jedenfalls hatte das seine bereits getan, wie meine feinsinnige Nase und mein diesbezüglich empfindlicher Magen auch aus fünf Schritt Entfernung urteilen konnten. Pfui Urt! Dieser verblendete Tor! Welch göttliches Wesen würde sich solchen Gestank in die Halle holen??? Beim bloßen Gedanken an diesen Waldschrat will es mich am ganzen Leibe beißen, und mich verlangt nach einem ausgiebigen Bad, welches ich mir nun auch gönnen werde.

Möge Odin Euch und Eurem Haus allzeit Leben und Reichtum schenken, und mir, Eurer Tochter, das Wohlwollen ihres verehrten Vaters.

I Kjærlighet
Mithrandriel

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5 Kommentare zu “White Twinge Of Conscience

  1. Also jetzt muss ich aber auch mal was zu deinem Geschreibsel sagen. Ich liebe es, deine Storys zu lesen. Dein Blog ist einer von denen, wo ich kaum abwarten kann, bis die nächste Story von dir erscheint.

    Ich bin immer wieder begeistert und wie schon mal bei Brom geschrieben, behalte deinen Schreibstil bei, den das macht die Geschichte, zu deinem persönlichen Markenzeichen.

    So und nun weiter schreiben. 🙂

  2. Und wieder einmal ein funkelnder Diamant unter den Blogbeiträgen.. ich weiß das Mith nun wieder unterm Veil errötet, aber gerade deshalb … grinst.. ein goldenes Boskkalb? Nun, ich fürchte das wird den Zorn der Priesterkönige heraufbeschwören! Und wie.. aber wir könnten es gießen lassen und gen Norden verschiffen.

    • UNTERM Veil? Du frecher Charmeur weißt haargenau, dass „gewisse Menschen hier“ ein mehr als talentiertes Händchen dafür besitzen, die Verlegenheitsgesichtsfarbenänderungsgrenze wohl einer jeden Lady über den Rand des Veils nach oben zum Haaransatz zu verlegen! 😉
      Das goldene Kalb und mit ihm priesterköniglichen Zorn in den Norden bringen? In das gelobte Land meines Vaters Väterväter?? Nay, nayy, nayyy! Und wehe dem, der eine Doppelte Torvaldslander (Axt) und den Mann dran unterschätzt! Bei den heiligen Funken von Muspellr! Wenn die Schlangenschiffe erst bemannt werden, ist Turia schneller eine nordische Stadt als sich der gelbe Zucker im Bazitee aufgelöst hat…

    • Vielen Dank, Beo! Ihr habt mir (und vielen anderen Bloggern) aber auch wahrhaft guten „Zündstoff“ geliefert 😉 War wirklich gut gespielt und stellt einen hervorragenden Ansatzpunkt für weiteres spannendes und – wie Kasras Blog ahnen lässt – groß angelegtes RP dar.

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