A Girl’s Caged Mind

Turmus im En’kara (V/1) des zweiten Mondenlaufs der Regentschaft des Administrators Cato

Elsket Far!

Es sei Eurer Tochter Mithrandriel erlaubt, diese Worte an Euch zu richten, verehrter Vater.

Lautlos krochen Nebelschwaden im diffusen Zwielicht, durch dessen Schleier der Morgen die Nacht küsst, vom nahen Flussufer die Böschung herauf. Schemenhaft wie die Geisterwesen aus den Schauermärchen des einäugigen Flusskapitäns Thrym schoben sie ihre kalten, feuchten Leiber zwischen den prunkvollen Zelten hindurch, aus deren zumeist noch geschlossenen Planen bisweilen ein trunkschweres Schnarchen wie auch so manches Geräusch zu vernehmen war, das mir die Schamesröte über das Veil steigen und mich meine Schritte beschleunigen ließ. Der dritte Tag des En’kara-Festes war angebrochen, an welchem mit der großen Jagd Höhepunkt und Abschluss der Feierlichkeiten bevorstand. Inzwischen brüstete sich wohl ein jeder Waidmann damit, ER würde es sein, der das legendäre weiße Tabuk zur Strecke bringt. Doch in selbem Maße, da in jenen das Jagdfieber anschwoll, wuchsen in anderen, so auch in mir, die Zweifel, ob es nicht um unser aller Seelenheil willen besser wäre, dies lebende Sanctum der Voskwälder würde den Augen der Schützen verborgen bleiben. Tat ich anfangs die blumig-düsteren Schwänke der Gaukler über das absonderliche Tier noch als Waidmannsgarn ab, so gewannen die Erzählungen zusehends an Plausibilität. Und längst beherrschte das weiße Tabuk nicht mehr nur Gesänge und Prosa an den Lagerfeuern, sondern auch die Gespräche der Schriftgelehrten.

Ehe das Lager beginnen würde, sich vielstimmig aus den Fellen zu erheben, hatte ich den kleinen Wagen, der Lady Isabell und mir für die Zeit des Festes Heim war, verlassen, um das Badehaus am Ufer des Vosk aufzusuchen. Der dort wachhabende Rarius der Palastwache ließ mich passieren und postierte sich sodann in der Mitte des Zugangssteges. Obgleich ich annehmen durfte, der Krieger würde nunmehr lediglich für Frauen, hochkastige zumal, den Weg frei geben, wagte ich nicht, die luxuriösen Vorzüge dieses vergänglichen baulichen Meisterwerks auszukosten, sondern eilte mich, Körper und Haar zu waschen und mich dabei nur soweit als unbedingt erforderlich zu entblößen. „Eher legt ein Sleen einen Fleischvorrat an, als dass ein Mann im Safte die Augen von einem badenden Weib lässt.“, sagt Mutter stets. Da niemand sonst das Bad zu so früher Ahn aufsuchte, machte ich es mir auf einer Chaiselongue, die auf der offenen Stirnseite des Bauwerks direkt über dem Fluss stand, bequem und ließ, dem beruhigenden Gurgeln und Glucksen des gemächlich gen Thassa strömenden Vosk lauschend den vergangenen Tag Revue passieren, in dessen Mittelpunkt das Turnier der Roten Kaste stand. Anders als die überwiegende Zahl der Gäste, welche sich um das Turniergeviert scharten und die dort um Sieg und Ehre streitenden Rarii ihres Heimsteins anfeuerten, ließ ich mich allenfalls anstandshalber hie und da einige Ehn auf den Rängen sehen und nutzte im übrigen die Ruhe auf dem Festplatz für die Pflege alter und die Begründung neuer Bekanntschaften zu Kastenbrüdern und –schwestern, aber auch anderen Gästen.

Am späten Abend des Turniertages, die meisten Gäste waren bereits daran, sich dem Paga und anderem, zumeist eher handfestem Vergnügen exzessiv hinzugeben, bat Isabell Sir Cato um eine Audienz und bedeutete mir, ich solle ebenfalls anwesend sein. Isabell kam schnell zum Punkt – und ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: schlug sie dem Administrator doch allen Ernstes vor, mich zur Diplomatin zu ernennen! Obgleich Sir Cato bekundete, darüber zu sinnieren und Isabells Ansinnen im Grunde wohlwollend gegenüber zu stehen schien, konnte (und kann) ich kaum glauben, dass diese Unterredung stattgefunden hat, und noch weniger, dass je eintreten möge, was sie zum Inhalt hatte. Gewisslich, wiederholt bereits war meine Lehrmeisterin voll des Lobes für meine Fähigkeiten und sah kaum einmal Anlass, mich zu tadeln. Und hatte nicht auch der Sultan von Lyros, ein ebenso mächtiger wie scharfsinniger Mann, mir just vor meiner Abreise nach Turmus das Amt der Diplomatin angetragen? Obgleich seinerzeit alles dafür sprach, zumal mein eigener Wille, dieses großzügige und über die Maßen ehrenvolle Angebot des Sultans anzunehmen, hatte ich mich wortreich aus der Affäre gezogen. Aus demselben Grunde, der mich auch hier und jetzt mehr mit Bange denn Freude auf die Situation blicken lässt. Denn dazumal wie nun beherrscht mich das stärkste Gefühl, das Ihr Eurer Tochter mit auf den Weg hinaus in die Welt gegeben habt, Vater: Selbstzweifel. Schreit mein Herz auch noch so laut „Ich kann! Ich will!“, so behält doch stets die tadelnde, mahnende, einschüchternde Stimme in meinem Kopf die Oberhand. Und sie spricht mit Eurer Zunge, Vater. Als die eloquente Chronistin von Kassau, Lady Lyssandra, der stets meine besondere Bewunderung galt, für den Hohen Rat nominiert ward, meintet Ihr nur kühl und mit beißendem Spott: „Die einzige Rede, die sich für ein Weib schickt, ist jene, die ihr Gefährte für sie schwingt! Schreib Dir das hinter die Ohren, Mithrandriel.“ Aye, Vater. Das habe ich. Doch ersehne ich dieser Tage nichts mehr, als dass die Tinte, mit der es geschrieben steht, endlich beginnen möge zu verblassen!

Möge Odin Euch und Eurem Haus allzeit Leben und Reichtum schenken, und mir, Eurer Tochter, das Wohlwollen ihres verehrten Vaters.

I Kjærlighet
Mithrandriel

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4 Kommentare zu “A Girl’s Caged Mind

    • Das kann man Vater nicht absprechen, keine Frage. Das (rollenspielerisch höchst spannende!) Problem dabei ist, dass die Erziehung, die Mith genoss, ihr aufgrund ihres Wesens – wie der Titel des Posts zum Ausdruck bringt – mehr Käfig, denn trautes Heim ist. Und spätestens seit dem Verlassen ihres familiären Umfelds und in dem Maße, in dem sie Frauen trifft, deren Leben nicht derart fremdbestimmt ist wie das ihre, begehrt sie gegen das enge Korsett ihrer Erziehung auf. Denn der Vergleich ist der Beginn der Unzufriedenheit.

  1. und wieder ein kleines Meisterwerk! Wann lernen wir Mith‘ Vater eigentlich mal kennen?

    • Garniemalsnicht, Cato. Denn da ist mir schlicht die Gefahr zu groß, dass mein reaktionärer Herr Papa einen schlechten Einfluss auf Dich hat was die Erziehung der Zwillinge betrifft 😉

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