The Arrow Of Love

Turmus im En’kara (II/5) des zweiten Mondenlaufs der Regentschaft des Administrators Cato

Elsket Far!

Es sei Eurer Tochter Mithrandriel erlaubt, diese Worte an Euch zu richten, verehrter Vater.

Turmus gleicht dieser Tage in seiner Geschäftigkeit und Geräuschkulisse einem der Bienenstöcke unseres Imkers Apiarius, mit dessen köstlichem Talenderblütenhonig Mutter stets die En’kara-Brote zu süßen pflegt. Ein jeder Turmusianer scheint in vorfreudiger Aufgeregtheit und Vorbereitung auf das dreitägige En’kara-Fest, das abzuhalten der Administrator verfügt hat. Kaum von anderem hört man mehr reden. Bedeutungslos scheinen die Preise für Rencepapier und schwarzen Wein ebenso wie der neueste Klatsch und Tratsch über die Honoratioren der Stadt, allen voran den Administrator und seine vom Nimbus geheimnisvoller, unnahbarer Schönheit umgebene Gefährtin, Lady Amira. Im Hafen wimmelt es nur so von Heimsteinfremden, die das bevorstehende Spectaculum anlockt wie das Licht die berüchtigten Voskmoskitos: Holzfäller, Zeltbauer, Schmiede und Seiler, welche sich bei Errichtung und Betrieb des imposanten Festplatzes verdingen möchten ebenso wie Gaukler, Joculatores und Spieler, die auf einen locker sitzenden Münzbeutel bei den Gästen hoffen. Und auch die ersten Gäste haben bereits Quartier bezogen in einer der Herbergen,  um dort die Zeitspanne bis zur Fertigstellung ihrer Unterkünfte am Festplatz zu überbrücken. Zwar war es mir bis dato noch nicht möglich, mir selbst einen Eindruck von der Lokalität zu verschaffen, doch allein die Erzählungen wecken in mir schillernde Erinnerungen an die prächtigen En’kara-Märkte am Fuße des Sardar, zu denen Ihr mich von meinem 64. Markt an jeden Mondenlauf mitnahmt.

Obgleich jeder der Programmpunkte des Festes für sich genommen bereits eine Reise an den Vosk rechtfertigen würde, ist es doch die als Höhepunkt der Festivität anberaumte große Jagd, welche die bei weitem stärkste Anziehungskraft auf die Besucher ausübt. Aus den Berichten der Waidmannen und Kundschafter ist man verleitet, den Schluss zu ziehen, die Fauna ganz Gors habe sich in dem zu bejagenden Gebiet versammelt, nur um der hochkastigen Gesellschaft vor Bogen oder Speer zu rennen. Und wohl ein dutzend Mal habe ich an den vergangenen Abenden die Sage vom weißen Tabuk aus eines Gauklers Mund vernommen, das zu erlegen gleichermaßen unermesslichen Reichtum wie den sicheren Tod verheißen soll.

Dabei hat Turmus dieser Hand bereits eine spektakuläre und – so jedenfalls die Rüge der strengen Sittenwächter – skandalöse Jagd gesehen. Ein Larl hatte sich bis in die Gassen des Hafens gewagt, um dort seinen Futtertrieb zu stillen. Nachdem er sich zunächst an Speiseresten der Taverne gütlich tat, kamen ihm Lady Isabell und Lady Jean vor die Schnauze und konnten sich mit knapper Not ins Badehaus flüchten. Auch Lady Amira geriet in Bedrängnis und suchte ebenfalls im Badehaus Zuflucht. Nachdem Isabells Mädchen Vulo die Bestie mittels eines Verr, welches sie blutig geritzt hatte, aus der Stadt locken konnte, nahmen die Ladys Amira und Isabell wider jede Vernunft und weibliche Verhaltenskonvention die Verfolgung des Räubers auf! Welch unermessliche Torheit! Denn binnen kürzester Zeit wurden die Jägerinnen zu Gejagten. Den Göttern sei Dank kehrten beide zwar schwer verwundert, so doch mit schlagendem Herzen zurück. Statt einer Jagdtrophäe werden die beiden von diesem Hasardeursstück nunmehr jedoch nur die Erinnerung an die Strafe behalten, welche der Administrator ob dieser Tat über sie verhängte.

Jagdfieber nannte Isabell jenen Impuls, der mir durch den Schleier meiner Erziehung betrachtet für eine Lady beinahe so verabscheuungswürdig erscheint wie die stete Versuchung, körperlichen Begierden nachzugeben. Nun, unwahr spräche ich, würde ich behaupten, nicht auch einen gewissen Drang zur Teilnahme an einer Jagd, zumal einer so großen wie der anstehenden, zu verspüren. Aus Erfahrung weiß ich, dass es mir keine nennenswerte Mühe bereiten würde, meinem burschikosen Leib selbst im eng geschnittenen Jagdgewand den Anschein der Männlichkeit zu verleihen. Und dass ich in der Handhabung des Bogens nicht untalentiert bin, wisst Ihr, verehrter Vater, nur zu gut. Denn mehr als einmal habt Ihr mir das Hinterteil mit selbigem versohlt, wenn Ihr mich wieder einmal mit Bulveigh, des Schmieds Erstgeborenem, beim Jagen von Urts oder wilden Vulos erwischt habt.

Bulveigh… Dieser raffinierte Schlingel mit seinen schwarzen Locken und moosgrünen Augen hatte mir an meinem sechzigsten Markt doch tatsächlich den ersten Kuss von den Lippen gestohlen. Als wäre es gestern gewesen spüre ich seinen durchtrainierten Körper hinter mir, als er meinen Zugarm ausrichtet und mir zum hundertsten Male mit sanfter Stimme „Auf den Sehnenschatten achten, Mimmy.“ ins Ohr haucht. Als der Pfeil von der Sehne sirrt und so punktgenau das Ziel findet, als habe dieses ihn gerufen, wende ich mich zu ihm und strahle vor Stolz als hätten mich die Walküren erwählt. Doch sowie sich unsere Blicke treffen, vermeine ich mein Herz eine Ihn nicht mehr, dann jedoch so heftig pochen zu spüren, als wolle es mir aus der Brust brechen. Nie zuvor hatte Bulveigh mich angesehen wie in jenem Augenblick. Erhaben, mutig, die Corona des Zentralgestirns in seinem Rücken tritt er an mich, legt seinen rechten Arm um meine Taille und zieht mich an sich. Und es ist nicht der Griff des Knaben, der all die Jahre mein Spielgefährte war, sondern der eines Mannes. Sein Haar duftet nach Flieder und seine Lippen schmecken nach den Beeren, die wir zuvor genascht hatten, und die Zeit steht still. Hättet Ihr Bulveigh seinerzeit nicht zurückgewiesen, als er um meine Hand anhielt, könntet Ihr Euch nun gewisslich an wohlgewachsenen Nachkommen erfreuen. Doch nay, Eure Tochter sollte Gefährtin eines Hochkastigen aus angesehenem Geschlechte werden. Und dies ward sie – zu meinem Verderben und Eurer Schande, Vater.

Hier nun ist es an der Zeit für mich, den Federkiel beiseite zu legen und mich ans Packen meiner Truhe zu machen: Lady Isabell und ich haben in der anbrechenden Hand noch eine weite und bedeutsame Reise vor uns, um den Städten Gors von der ihnen geltenden Einladung des Administrators zum En’kara-Fest Kunde zu geben.

Möge Odin Euch und Eurem Haus allzeit Leben und Reichtum schenken, und mir, Eurer Tochter, das Wohlwollen ihres verehrten Vaters.

I Kjærlighet
Mithrandriel

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4 Kommentare zu “The Arrow Of Love

  1. Die weitaus schlimmste Strafe für Amira ist, dass Cato wütend auf sie ist. Na gut, sie malt sich nun auch keine großen Chancen aus bei der En’kara Jagd teilnehmen zu dürfen. TROTZ des überaus selbstlosen Versöhnungspräsentes in weißen Seiden.

  2. Die Preise von Rencepapier?
    Seit du in Turmus bist hast du doch nie wieder für papier bezahlen müssen, das gibts doch für dich kostenlos von Vulo 😉

    • Das weiß ich doch, mein Täubchen 🙂
      Wobei ich mal nachrechnen müsste, ob mich die Rambeeren-Candys, die Vulo regelmäßig als Belohnung erhält, letztlich nicht „so voll so teuerer gekosten“ wie das Papier beim Krämer.
      Mith verwendet Dein mit ebenso viel „know how“ wie Liebe geschöpftes Papier doch sogar für die Briefe an ihren Herrn Papa! Leider kann man bei dieser WordPress-Vorlage das Vulo-Wasserzeichen nicht erkennen…

    • Naja, die muss ich aber immer bei Isabell abgeben, also hab ich nicht viel von den Dingern 😉

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