From Turmus With Love

Turmus am fünften Tag der zwölften Passagehand des ersten Mondenlaufs der Regentschaft des Administrators Cato

Elsket Far!

Es sei Eurer Tochter Mithrandriel erlaubt, diese Worte an Euch zu richten, verehrter Vater.

Einige Hand sind über die Gefilde Gors gegangen, seit ich Euch zuletzt schrieb. Und viel hat sich seither zugetragen im Leben Eurer Tochter – mögen es die Götter und großen Mannen auch als Nichtigkeiten belächeln.
Inzwischen habe ich festes Quartier in Turmus bezogen, dieser zu jeder Tages- und noch mancher Nacht-Ahn geschäftigen Handelsmetropole am rorwärtigen Ende des Voskdeltas.
Turmus würde Euch gewisslich interessant für den Handel mit dem exquisiten Holz unserer nördlichen Wälder erscheinen, werden hier doch in einer kleinen Werft unter anderem für die Flussschifffahrt im Delta taugliche Lastenkähne auf Kiel gelegt. Aufgrund des prosperierenden Handels am Vosk lassen sich auch in dieser Branche derzeit beachtliche Preise erzielen. Wie Ihr seht, verehrter Vater, vermag das Blau meiner nunmehrigen Kaste das weiß-güldene Tuch meiner Kinderstube nicht vollends zu überdecken.

In meinem letzten Brief durfte ich Euch von den Beweggründen berichten, welche mich dem idyllischen Inselsultanat Lyros vorerst den Rücken kehren ließen und mich nach Turmus führten. Neben der Begegnung mit einem Rarius aus Turmus, welcher einige Finger auf Lyros weilte, war letztlich der Ruhm und Reichtum verheißende Bericht jenes tollkühnen Gorographen, aus dessen Munde ich von Heliopolis, einer versunkenen Metropole am Vosk erfahren hatte, ausschlaggebend für meinen Entschluss.
In der Tat förderte das Studium der Schriftrollen und Karten in der Bibliothek des Zentralzylinders von Turmus eine erstaunliche Vielzahl an Informationen über Heliopolis zu Tage. Was ich fand ist bei weitem zu detailliert und stringent, als dass ich meinen Verdacht, der Erforscher wollte mich mit seiner Geschichte nur beeindrucken, aufrecht erhalten konnte oder mochte.
Dennoch müssen meine Bestrebungen in dieser Richtung bis auf weiteres ruhen. Zum einen musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich offenkundig nicht die einzige bin, deren Interesse Heliopolis geweckt hat. Und mein Gefahreninstinkt, der mich Zeit meines bisherigen Lebens selten getrogen hat, lässt mich Vorsicht walten, ehe ich nicht mehr über diese Leute mit den mysteriösen kreisrunden Stahlamuletten herausfinden konnte. Zumindest konnte ich dafür Sorge tragen, dass ihnen in der Bibliothek deutlich weniger Informationen zugänglich sein werden als mir.

Der bedeutendere Grund für die vorläufige Zurückstellung des Heliopolis-Vorhabens jedoch liegt in einer vielversprechenden Wendung in meinem Leben: Den Göttern gefiel es mir die Möglichkeit zu eröffnen, bei Lady Isabell, der Diplomatin von Turmus, in Lehre zu gehen. Und man würde mich zu Recht eine Närrin schelten, hätte ich diese Chance nicht ergriffen!
Meine Lehrmeisterin ist klug und eloquent. Sie ist welterfahren, mutig und voller Tatendrang. Eine Frau, die stets zum Handeln entschlossen ist – bisweilen etwas voreilig, wie manch einer tadelt – und zumeist erreicht, was sie begehrt. Sie ist ebenso hart gegen jene, die sich ihr in den Weg stellen, wie milde und großherzig jenen gegenüber, die ihr gewogen oder gar ergeben sind. In vielerlei Hinsicht erinnert sie mich an Lady Johari, die Tatrix von Sinda.
Kurzum: Ihr würdet sie verabscheuen, Vater. Denn sie verkörpert alles, was Ihr für eines Weibes Wesen und Verhalten unziemlich erachtet – und mit einigem Erfolg Eurer Tochter aberzogen habt.
Für mich jedoch ist sie wie das Zentralfeuer, welchem die Blume ihr Köpfchen zuwendet, weil es sie erblühen lässt. Wie Norðripust, der Wind des Nordens, der die zahme Glut in der Feuerstelle nährt und zum Feuer anschwellen lässt, das zu sein sie bestimmt ist. Jene Glut, die Ihr stets einzudämmen, doch niemals zu ersticken vermochtet, Vater.

Dieser Tage ist meine Lehrmeisterin, wie viele andere Turmusianer, insbesondere die Rarii, voll und ganz vereinnahmt von der Ermittlung des Aufenthaltsortes von Sir Cato, dem Administrator von Turmus. Die Angelegenheit unterliegt strengster Geheimhaltung, um keine Zweifel an der Stabilität der Machtverhältnisse in Turmus aufkommen oder gar die Feinde des Heimsteins Morgenluft wittern zu lassen.
Hier nun möchte ich endigen mit meinen Ausführungen und mich noch etwas in das bunte Carnivalstreiben draußen im Hafen stürzen, welches heute mit Kajuralia seinen Höhepunkt findet.

Möge Odin Euch und Eurem Haus allzeit Leben und Reichtum schenken, und mir, Eurer Tochter, das Wohlwollen ihres verehrten Vaters.

I Kjærlighet
Mithrandriel

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